Kunstwerk des Monats Februar / März


Die Installation: Das Fastenhungertuch
„Das Leben vor dem Tod“
in der Kirche Dürbheim St. Peter und Paul,
von Kirk Sora (geb. 1976 in Celle, lebt in Dresden).


Das
Barock - viel Gold, Überschwang in Form und Farbe, Kunststein, Marmor, Barockengelchen, Figuren in dramatischer Bewegung.
Das
Barock als Ausdruck der Lebensfreude und Sinnlichkeit - gültig allerdings nur für eine verschwindend kleine Schicht der damaligen Menschen.
Der allergrößte Teil der Bevölkerung musste Fronarbeit leisten, hungern und darben, um für ihren Feudalherren und seinen Hofstaat ein Leben in Saus und Braus zu ermöglichen und ihre Prunk- und Verschwendungssucht zu finanzieren.

Die Kirche, mit ihren feudalen Fürsten, hatte dabei einen nicht zu geringen Anteil, denn woher kamen die Mittel für die von uns heute so bewunderte Architektur und all die Kunstschätze in den Barockkirchen und Klöstern?

Gerade im Barock zeigt sich diese Unersättlichkeit und Machtdemonstration unter dem Titel: “Zur Ehre Gottes“ der Kirche besonders stark. Es gibt keine Kunstepoche in der ein größerer Material- und Ressourcenaufwand getrieben wurde als in dieser Stilepoche. Der feudale Größenwahn zeigt sich z.B. in den Deckengemälden, in denen die Menschen bis in den Himmel, Gott mit seinen Engeln sehen konnten. Allerdings war das nur wenigen vorbehalten, denn die Paläste durfte das gemeine Volk nicht betreten. In den Kirchen, in die auch einfache Menschen gingen, und am Glanz der Obrigkeit teilhaben konnten, wurde allerdings der Glanz, die Lebensfreude, der Genuss und die Sinnlichkeit, durch Darstellungen des Leidens, Höllenqualen und der Marter von Heiligen sehr getrübt. Die bildende Kunst, wurde von den Mächtigen immer sehr gezielt eingesetzt, um die Menschen zu manipulieren, ja nicht zu lebensfroh werden zu lassen und das schlechte Gewissen immer auf kleiner Flamme am Köcheln zu halten um damit, Macht über das Volk zu haben.

Natürlich ist auch klar, dass der (Geld-) Adel und die Kirche die einzigen Mäzene waren und ohne sie, es diese herrlichen Kunstwerke heute nicht gäbe. Aber trotz aller Ehrfurcht und Staunen über diese Schätze, darf man ihre Entstehung, Finanzierung, Nutzung sowie oft versteckte manipulative Absicht nicht übersehen.

In diesem Ambiente, eine Installation eines jungen bildenden Künstlers, das zum Nachdenken und Hinterfragen anregt. Sein Zugang zum Thema Fastentuch ist von der Farbe ein herkömmlicher - die Farbe „violett“ ist traditionell - das Material jedoch ein völlig neues. Er verwendet Bündel von Luftballons die den Altar verhüllen. Wie bei einem herkömmlichen Fastentuch herrscht die Farbe Violett vor. Einige kleine Akzente - oft eine Zeichnung oder Bilder - auf dem Tuch, sind in anderen Farben. So auch bei der Installation. Allerdings wird herkömmlich Gewohntes, durch Anderes, Neues, irritiert. Das verwendete Material – Luftballons - als Symbole der Lebensfreude, Leichtigkeit und Kurzlebigkeit. Der größte Teil des Altares wird durch Trauben, von Luftballons verhüllt. Die prallen und sinnlichen Formen der Ballons passen sehr gut zu denen des Barock. Auf den ersten Blick sind die Ballontrauben gar nicht störend, die Farben korrespondieren optimal mit den vorhandenen.

Der Titel: „Das Leben vor dem Tod“ wird durch die Ballons ideal dargestellt. Ein Menschenleben, mit all seine Facetten wie jung, frisch, fröhlich, strahlend, freudig, lebensfroh bis alt, traurig, mut- und kraftlos und schließlich sterbend, ist Inhalt dieser Installation. Den Ballons wird die Luft - ihre Stärke und Lebenskraft - ausgehen, die Farbe wird sich verändern, sie schrumpfen, werden faltig und sie werden den Weg alles Irdischen gehen und sterben.

 

Mag.art. O.A.Eschelmüller

 


Aus bunten Luftballons und Nylonschnüren gestaltet der Künstler in einer deutschen Kirche ein „Fastentuch“. Mit Fasten - oder Hungertüchern werden in der Fastenzeit die Hochaltäre verhängt. Sie zeigen häufig Darstellungen aus der Passion Jesu und führen thematisch auf die Karwoche hin. In den letzten Jahren finden sich Hungertücher mit aktualisierten Darstellungen von Notleidenden.

Die Kirchenbesucher von Dürbheim werden nicht schlecht über ihr „Fastentuch“ gestaunt haben.

Die bunten Ballons verdecken in mehreren Trauben den gewohnten Blick. Die dominierende Farbe ist das Lila der Fastenzeit. In den Wochen bis Ostern wird die bunte Pracht in sich zusammenschrumpfen. Trauben von Luftballons sind Ausdruck von Lebensfreude und Sinnbild der Vergänglichkeit. Beides gehört zum Leben.

Die Zeit vor Ostern ist dazu gedacht uns aus dem gewohnten Alltagstrott zu holen – wie die Ballontrauben vorm Hochaltar.


Mag. Christian Jordan