Erasmus
Funded by the European Union. Views and opinions expressed are however those of the author(s) only and do not necessarily reflect those of the European Union or OeAD-GmbH. Neither the European Union nor the granting authority can be held responsible for them.

Jeder kennt diesen musikalischen Partybrüller aus Sevilla. Aber: den Namen Macarena verbinden die Sevillanos in erster Linie mit Nuestra Virgen de la Esperanza Macarena.  Sie ist die Schutzheilige Sevillas und absolutes Identifikationssymbol. Als la Santísima Virgen Macarena am 18. Dezember, punktgenau zu ihrem Namenstag, in ihre Basilica nach einem längeren Schönheitsurlaub (Macarenas Gesicht, vor allem die Augen, mussten restauriert werden) zurückkehrte, bildeten sich über mehrere Tage kilometerlange Schlangen vor dem Eingang der Kirche. Alle wollten sie nach ihrer Verjüngungskur bestaunen und ihr mit dem Besamanos, also ihre Hand küssen, huldigen. 

Macarena ist Kult. Sie ist Symbol für die Hoffnung, die niemals verloren gehen darf:

La esperanza es la última que se pierde (Die Hoffnung stirbt zuletzt).

Wie muss man sich das gesellschaftliche Leben in Sevilla eigentlich vorstellen? Man sagt: „La vida está en la calle“. Der Sevillaner sitzt nicht gerne zu Hause, sondern er liebt es, die freie Zeit auf der Straße, in der Bar mit Freunden und Familie zu verbringen. Wenn man nach der Arbeit loszieht, trifft man sich in der Bar an der Schank und an den Tischen, oder noch besser davor im Freien. Man genießt die eine oder andere Cervecita, einen Vermút oder doch eine kleine Copa de Vino. Jeder hat etwas zu erzählen, am besten alle gleichzeitig. Wichtig ist: gemeinsam, laut und lustig. Disfrutar del tardeo nennt man das.

Nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, mich der experiencia cultural total hinzugeben, verbrachte ich auch die Weihnachtszeit in Spanien. Ein Muss waren die spanische Weihnachtslotterie El Gordo am 22.12., das Verspeisen von zwölf Trauben zu den zwölf Glockenschlägen um Mitternacht, genannt Las doce Uvas am 31.12., und am 5. Jänner die Gran Cabalgata de los Reyes Magos. Was für ein krönender Abschluss! Das war ein buntes Spektakel, ähnlich einem Faschingsumzug. Hoch auf dem Wagen fuhren die Heiligen Könige Gaspar, Melchor y Baltazar ein. Begleitet wurden sie von Streetbands, Beduinos und vielen weiteren thematisch dekorierten Wägen. Da gab es den kleinen Prinzen, das antike Rom, Schneewittchen oder Helden aus dem spanischen Kinder TV.

Der Tross zog stundenlang auf einer genau festgelegten Route durch die Stadt. Alle kamen und versuchten möglichst viele von den 100.000 kg  Zuckerln, die von den Wägen herab in die johlende Menge geworfen wurden (vorzugsweise die weichen) zu fangen. Ein Geheimtipp am Rande: Plastiksackerl über die Schuhe ziehen, da man sonst auf der Straße wegen der herumliegenden Süßigkeiten kleben bleibt.

Aber nun zur Arbeit. Am Colegio Alemán „Alberto Durero“ arbeitete ich für drei Monate als Gastlehrerin. Gemeinsam mit dem Kollegen Paco Romero konzipierte ich den Musikunterricht in der 5. und 6. Schulstufe. Auf diese Weise kam ein bisschen österreichisches Flair in den Unterrichtsalltag. Zusätzlich entwickelten wir ein neues kulturelles Austauschprojekt für unsere Erasmus Mobilitäten. Neben der Unterstützung des Musikunterrichts sammelte ich Erfahrungen in der Primarstufe bei Astrid Klar. Vorlesen, gemeinsames Singen, Ukulele spielen, die Lesehausübung kontrollieren oder einfach nur draußen im Hof in der Pause Fangen spielen, alles war dabei.

Im sprachsensiblen Unterricht lernte ich die Herausforderungen der bilingualen Erziehung kennen. Bilingualität stellt zweifellos einen großen Vorteil dar. Aber Kinder, die aus rein spanischsprachigem Elternhaus kommen, müssen viel zusätzliche Energie investieren. Spanische und deutsche Aussprache sind einfach nicht dasselbe. Warum spricht man „Vogel“ nicht wie „Bogel“ aus? Warum ist „doch“ nicht dotsch? Wunder über Wunder!

Einen persönlichen Höhepunkt feierte ich, als der deutsche Lehrerchor den österreichischen Andachtsjodler im Weihnachtsgottesdienst auf meine Anregung hin sang. Die zuhörenden Eltern und Kinder blickten mit großen Augen und die Nonnen der Kirche Santa Paula wagten sich aus ihrer Klausur heraus, um hinter Gittern den unbekannten Klängen zu lauschen Die Chormitglieder fühlten sich ob des neuen Liedguts bereichert und stellten tatsächlich Überlegungen an,  „Stille Nacht“ durch den Andachtsjodler vor dem Christbaum zu ersetzen.

Im Colegio Alemán wird die Musik hochgeschrieben. So finden jedes Jahr die Musikwettbewerbe „Kinder musizieren“ und „Jugend musiziert“ an der Schule statt, an denen ich als Jurymitglied mitwirkte. Neben den vielen schönen Beiträgen hat mir die wertschätzende Art der anderen Juroren gefallen. Da gab es keine böse Kritik, sondern motivierende Worte und viele hilfreiche Verbesserungsvorschläge.

Der Klimawandel hat auch vor Andalusien nicht Halt gemacht und in den letzten Wochen hielten uns die Sturmtiefs Kristin,  Leonardo und Marta in Atem. Derartig viel Wasser konnte eine Region, in der es sonst auch im Winter wenig regnet, nicht aufnehmen.  Die Flüsse, die Wasserspeicher „embalses“ und das Kanalsystem waren einfach überfordert. Das Wasser floss von oben, von unten und auch noch von der Seite, denn der Regen wird von den azoteas – die Dachterrassen –  aus den Regenrinnen direkt auf die Straße abgeleitet.

Mit Ende Februar endete auch meine Zeit in Sevilla. Doch das Abenteuer ist längst nicht zu Ende. Zu viel gibt es noch zu sehen und zu erleben. Die Kanaren warten schon auf mich ¡Hasta pronto!

Text und Fotos: Susanne Rösslhuber